No-Diet Day

Der Anti-Diät-Tag (No-Diet Day) soll Aufklärung schaffen über die Folgen von Gewichtsdiskriminierung und die Gefahren von gesundheitsschädlichen Diät-Praktiken. Er steht für den Kampf um die Würdigung der Vielfalt von natürlichen Größen- und Gewichtsunterschieden und fordert zum kritischen Hinterfragen von Schönheitsidealen auf.

Wie Normen zu Gesundheit und Krankheit die Akzeptanz körperlicher Vielfalt erschweren.

Ein hohes Körpergewicht wird nicht als Teil der gesellschaftlichen Vielfalt akzeptiert. Werden dicke Körper in Sozialen Medien gezeigt, entsteht schnell eine Diskussion, ob ein Mensch supportet werden darf, der „offensichtlich“ nicht gesund lebt. Das äußern zumindest Menschen, die gegen die Sichtbarkeit von dicken Körpern agieren, schaut mensch sich beispielsweise Kommentare auf Fashion-Profilen an, die sich trauen, dicke Models darzustellen oder größere Kleidung anzubieten. Die Sichtbarkeit von nicht-binären Personen ist ähnlichen Reaktionen ausgesetzt. So richtig akzeptiert scheinen trans* Personen auch nur dann zu werden, wenn sie gut „passen“*. Also wenn sie eine stimmige geschlechtsspezifische Körper-Performance abliefern und dadurch wenig Raum zu Irritationen geben. Bemerkbar ist das auch an der Besetzung von trans*-Schauspieler_innen in Serien und Filmen. Der Druck ist entsprechend groß, in die gesellschaftliche Vorstellung von „weiblichen“ und „männlichen“ Körperbildern zu passen. Haben sie zusätzlich einen dicken Körper oder eine Hautfarbe oder Körpermerkmale, die nicht der westlichen Norm entsprechen, sind sie betroffen von Mehrfachdiskriminierung. 

Alle diese Formen von Diskriminierung betreffen den Körper. Der Körper soll das Geschlecht eindeutig anzeigen und zudem westlichen Schönheitsidealen möglichst entsprechen. Wenn der Körper nicht „gefällt“, “anders” ist  oder das Gegenüber „verwirrt“, scheint es gesellschaftlich absolut akzeptiert zu sein, Menschen zu diskriminieren. Entsteht beim Betrachtenden eine Geschlechtsrollen-Irritation, entsteht schnell der Vorwurf, nicht „richtig“ zu sein oder auch in einen Frauen-/Männer-Raum eindringen zu wollen. Liegt eine Fettleibigkeit vor, heißt es, die Personen seien ungesund, krank, faul, unmotiviert, unattraktiv aber vor allem selbst Schuld. Diese Stigmatisierung ist ein großes Problem, das zu Selbsthass, Körperbildstörungen, Essstörungen, Vermeidung von ärztlichen Behandlungen, soziale Phobien, Depression bis hin zu Suizid führen kann. Folgen von Gewichtsdiskriminierung sind auch im privaten und beruflichen Bereich zu finden. In persönlichen Beziehungen haben dicke Menschen (insb. weibliche* Personen) weniger Intimbeziehungen, erhalten weniger finanzielle Unterstützung durch Eltern und erfahren Stigmatisierung in der Familie. Auf dem Arbeitsmarkt berichten viele Studien über Diskriminierung, dokumentiert sind hier Kommentare sowie diskriminierende Einstellungspraktiken, geringere Chancen auf Beförderungen und niedrigere Löhne, was ebenfalls besonders Frauen* betrifft. In den Medien werden dicke Schauspieler_innen häufig in Rollen besetzt, die der Belustigung dienen und sind weniger in romantischen Beziehungen zu sehen. Zudem werden sie häufiger als dünne Schauspieler_innen bei dem Konsum großer Mengen Junk Food gezeigt.
Trotzdem scheinen Menschen, die körperdiskriminierende Aussagen und Praktiken tätigen, unter dem Aspekt geschützt zu sein, es doch nur gut zu meinen. Hier wird die Ansicht vertreten, die soziale Inakzeptanz von dicken Menschen erzeuge eine präventive Wirkung auf die Adipositasentwicklung. Tatsächlich kamen Studien jedoch zu dem Ergebnis, dass Gewichtsdiskriminierung einen negativen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Gewichtsabnahme hat. 

Besonders trans* Personen haben ein erhöhtes Risiko eine Essstörung zu entwickeln. Eine Studie von 2012 zeigte, dass 70% der teilnehmenden trans* Personen ein gestörtes Essverhalten aufwiesen. Eine andere Studie zeigte, dass bei trans* Personen eine 4-5 mal höhere Wahrscheinlichkeit vorliegt, eine Essstörung zu entwickeln als bei gleichaltrigen cis-Frauen oder -Männern. Für trans* Personen kann ein hohes Körpergewicht im sozialen Kontext dazu führen, dass sie häufiger misgendert werden. Der Druck, die Geschlechtsidentität über den Körper zu zeigen ist wesentlich höher als bei cis Personen, wodurch sich Diät-Praktiken für trans* Personen besonders anbieten, um den Körper gezielt in eine Form zu bringen, die den cis-normativen Erwartungen möglichst nahe kommt. Transfeindliche Diskriminierungserfahrungen und Gender Dysphorie können somit durch eine Essstörung reduziert werden, was gerade Fachkräfte, die eine Essstörung behandeln, mitdenken müssen. Mangelernährung wird teilweise auch bei trans-maskulinen Personen genutzt, um ihren Menstruationszyklus zu unterbrechen. Aber auch genderqueere Personen streben häufig ein mit Schlankheit assoziiertes Stereotyp von Androgynität an.

Dicken Menschen wird oft vorgeworfen, sie würden einen ungesunden Lebensstil verfolgen. Und dieser Vorwurf kommt nicht „nur“ von Ärzt_innen, sondern auch von Menschen, die sich selbst für Experte_innen in Ernährungsangelegenheiten halten. Die Diskriminierung aufgrund eines vermeintlich ungesunden Lebensstils trifft kurioserweise keine Personen, die beispielsweise Alkohol und Zigaretten konsumieren. Zudem trifft sie keine schlanken Menschen, die Junk-Food essen. Gewichtsdiskriminierung hat also nur scheinbar etwas mit der Verachtung eines „ungesunden“ Lebensstils zu tun. Zudem sind gesundheitliche Probleme, die Diäten und andere Abnehmversuche verursachen, oft gravierender als die gesundheitlichen Folgen durch Übergewicht. Gewichtsdiskriminierung führt zu einem dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel (Cortisol = Stresshormon) sowie zur Vermeidung von (Vorsorge-)Untersuchungen, Besuchen in ärztlichen Praxen und (besonders sportlicher) Betätigung in der Öffentlichkeit. Auch andere Formen von Diskriminierung, wie die Diskriminierung aufgrund von Trans*- und Intergeschlechtlichkeit, haben diese Auswirkungen. 

Doch woher kommt die Gewichtsdiskriminierung wirklich?

Einen wesentlichen Einfluss auf die Festlegung, welcher Körper “normal” und “gesund” ist, hat die Pharmaindustrie. Um mehr Patient_innen zu schaffen, wurden Grenzwerte angepasst, die „gesunde“ Körperwerte bestimmen. Beispielsweise wurde der Grenzwert des BMI (Body-Mass-Index) von 27,8 auf 25 gesenkt, der Blutzuckerwert von 140 auf 126 und der Cholesterinwert von 240 auf 200. Aber nicht nur die Pharmaindustrie profitiert von mehr Kund_innen, die „normalgewichtig“ sein wollen. Lösungen, um „schlank und schön“ zu sein, werden in Form von Konsumgütern angeboten, wie zum Beispiel Medikamente, Nahrungsmittel, Fitnessstudio-Abos und anderes Sport-Equipment. Körpergewichtsbezogene Gesundheitskampagnen unterstützen Gewichtsdiskriminierung. Auch Krankenkassen werben mit einem Bonus für Versicherte, die den BMI nicht überschreiten.
Diese Verstärkungsmechanismen vermitteln ein bestimmtes negatives Bild von dicken Körpern durch die Verknüpfung zum „Ungesunden”, um zum Konsumieren anzuregen.

Daneben gibt es aber auch einen historischen Hintergrund zu Gewichtsdiskriminierung. Gewichtsdiskriminierung ist verwoben mit „Rassendiskriminierung“, genau genommen mit westlichem Rassismus. Genauso wie ein zu behaarter Körper von weißen Menschen als „animalisch“ abgewertet wurde, galten auch dicke Körper, die sie bei Bi_PoC vorfanden, als „unzivilisiert“. Die damalige Art und Weise, andere Kulturen in ihrem Aussehen wahrzunehmen und sich von ihnen abzugrenzen, um als die überlegene “Rasse” zu gelten, sind immer noch mit unseren heutigen westlichen Schönheitsidealen verknüpft.
Neben diesem Hintergrund ist die Entstehung von Schönheitsidealen auch immer durch Klassen einer Gesellschaft geprägt. In einer früheren Epoche galten beispielsweise dicke Menschen als wohlhabend, da der unbeschränkte Zugang zu Essen nicht allen möglich war und dieser über den Körper repräsentiert wurde. Heute haben wir andere Konsumgüter, die Luxus und einen höheren Status symbolisieren.

„Aber, dicke Menschen können sich doch nicht wohl fühlen in ihrem Körper!“ – In erster Line fühlen sie sich aufgrund von gesellschaftlicher Diskriminierung sicherlich nicht wohl. Wenn es wirklich um das Wohlbefinden anderer Menschen geht, würde es ihnen vielmehr helfen, nicht mehr aufgrund ihres Körpers diskriminiert zu werden. Eine diskriminierungsfreie Atmosphäre kann zudem auch gesundheitliche Probleme beheben.
Wie ein Mensch sich mit seinem Körper fühlt, kann kein anderer Mensch wissen! Mit jedem Menschen haben wir einen anderen Körper und mit jedem Menschen haben wir auch ein anderes Körperempfinden. 

Tipp: Lest euch in das Thema ein oder folgt Aktivist_innen.

Literaturempfehlungen:

Fa(t)shionista – Magda Albrecht

Happy Fat. Nimm dir deinen Platz! – Sofie Hagen

Fearing the black Body. The Racial Origins of Fat Phobia – Sabrina Strings

This is just my face. Try not to stare – Gabourey Sidibe 

Bodies. Schlachtfelder der Schönheit. – Susi Orbach

Musings of a Fat, Black Muslim

The body is not an apology. The power of radical self-love – Sonya Renee Taylor

You have the right to remain fat. A manifesto – Virgie Tovar

Fat Studies in Deutschland: Hohes Körpergewicht zwischen Diskriminierung und Anerkennung. – Lotte Rose, Friedrich Schorb

 

*passen/ passing = die Fähigkeit einer Person, nach außen hin als das Geschlecht gelesen und anerkannt zu werden, mit dem sie sich identifiziert.

„dick“ = wir benutzen das Wort „dick“ und nicht „übergewichtig“, da das Wort „übergewichtig“ impliziert, “zu viel” Gewicht zu haben. Das Wort „dick“ ist gesellschaftlich negativ besetzt, gerade weil dicke Menschen von Diskriminierung betroffen sind. Daher wählen wir keine Umschreibung des Wortes „dick“ und nutzen es bewertungsfrei.

Quellen:
Dick & Dünn e.V.
Dr. Friedrich Schorb, Vortrag zur Gewichtsdiskriminierung der Universität Bremen

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