QueerReport: Im Gespräch mit Nellie Buttons

>>> Nellie Buttons (sie/ihr) ist eine Kölner Drag Queen, Illustratorin und visuelle Künstlerin. In Drag nennt sie sich auch “Drag Clown”. Mit ihr reden wir im Interview über ihre Ästhetik, die Arbeit mit anderen Künstler*innen sowie ihre Liebe zum Theater. <<<

Hey Nellie! Wir freuen uns, dich besuchen zu können!

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Stell dich doch gern unseren Leser*innen vor.

Mein Name ist Nellie Buttons, ich bin 21 Jahre alt und wohne in Köln. Ich bin Grafikdesignerin, Illustratorin, Drag Performerin und Clown mit einem Fokus auf das Theatralische!

Wie bist du zu Drag gekommen?

Wie viele andere habe ich vor der Pandemie angefangen, Drag Race zu schauen und bin so zum ersten Mal richtig mit dem Thema Drag in Berührung gekommen. Dann bin ich zu einem Event in Köln gegangen, bei dem eine Drag Queen der Serie aufgetreten ist. Dort habe ich auch lokale Drag Künstler*innen wie das Carousel of Queers kennengelernt und habe so erste Berührungen mit der Drag Szene gemacht und Kontakte geknüpft.

Mein erstes Mal in Drag war bei einer Show von Velvet Curtains, wo ich 2021 bei einem Kostümwettbewerb zu Halloween mitgemacht habe. Da dachte ich mir, komm, nutze die Gelegenheit und versuche es auch! Das hat mich ziemlich beflügelt, trotzdem hat es aber noch zirka ein halbes Jahr gebraucht, bis ich meine erste Performance hatte, da ich mich davor nicht wirklich auf der Bühne gesehen hab. Für mich war es sehr wichtig, dass das Publikum für meine erste Performance warm und einladend genug für mich sein sollte. Und seitdem habe ich Blut geleckt und freue mich über jede Möglichkeit, meine Kunst auch zu performen.

Woher stammt dein Drag so äußerlich?

Meine erste Inspiration war ein eigener visueller Charakter von mir, der von einer Mischung aus der Pierrot-Ästhetik und eigenen Einflüssen geprägt war. Mittlerweile hat es sich jedoch zu einer eigenständigen Kunstfigur weiterentwickelt und lebt mehr in einer eigenen Sphäre, ist also kein Cosplay eines Charakters mehr.

Der Pierrot hat mich nach und nach zu einer farbenfrohen Clown-Ästhetik geführt, die ich sehr schätze. Ich wechsle in meinem Aussehen meist zwischen einer schwarz-weiß Palette auf der einen Seite, und einer kompletten Farbexplosion auf der anderen. Bei der ersten kommen Einflüsse von einer gewissen Goth-Ästhetik mit ins Boot, bei der letzteren sehe ich aus, als hätte ich den KiKA-Tanzalarm ein wenig zu ernst genommen. [lacht]

Das gibt dir aber auch viel Abwechslung.

Total. Wenn ich zwei Mal das Gleiche trage, habe ich Angst, dass es Leuten auffällt. Ich würde sagen, dass es innerlich Dinge sind, die ich in meiner Kindheit und Jugend nie wirklich ausgelebt habe, weil ich Angst vor den Meinungen anderer hatte. In Drag fallen bei mir jedoch jegliche Barrieren weg. Ich zeige mich oft freier und zeige mehr von mir auch innerlich.

Dein Drag wurde von einem deiner Original Characters inspiriert. Was macht das für dich aus?

Mein Name kommt auch von einem meiner Charaktere. Nellie war früher eine starke, selbstbewusste Person, aber auch girly, eine Komponente, die mich früher nie wirklich beschrieben hat. Über die Zeit habe ich mich jedoch immer mehr in ihre Richtung entwickelt. Ich bin optimistischer und es war ein innerer Wunsch von mir als Kind, mehr so zu sein wie Nellie. Und das zeigt mir, dass ich meist Teile von mir und innere Wünsche von mir in diese Zeichnungen reinbringe. Jetzt, wo ich Drag mache, kann ich Aspekte dieser Charaktere auch für diese Kunst nutzen und ausleben, ohne mich selbst in dem, was ich wirklich bin, zu verstellen.

Das, was du auf der Bühne machst, hat also seine Vorläufe schon seit deiner Kindheit?

Total. Ich merke jetzt, dass ich diese Aspekte auch in anderen Kunstformen wie Drag ausleben kann. Und wenn es total banale Dinge sind, egal ob Ästhetiken, Ideen und Storylines.

Du machst ja nicht nur Drag, sondern du bist ja auch eine visuelle Künst-

Ich bin ne kleine Grafikmaus!

Ne kleine Grafikmaus! [lacht] Und du hast ja auch schon einige Künstler*innen und Kolleg*innen abseits der Bühne portraitiert. Wie vielfältig ist die Drag-Szene?

Wenn man von jemandem commissioned wird, zeigen sich die wahren Wünsche [lacht]. Manche wollen sich so darstellen, andere so – da gibt’s viele Unterschiede. Meine Kunst ist von den Proportionen her sehr realistisch, und so muss ich manche Wünsche auch mit meinem Stil vereinbaren.

Manche wollen eine andere Farbpalette als die, die ich nutzen würde. Das ist dann fast eine Challenge und ich mag es, dadurch neue Dinge auszuprobieren.

Fast eine Kollaboration zwischen zwei Künstler*innen?

Auf jeden Fall. Aber auch da ich einen Blick auf die Community habe, kann ich gut einschätzen, wie bestimmte Aufträge ankommen sollen, wie man sie am besten umsetzt.

Bestimmt ein hin und her. Du willst dir selbst treu bleiben und deinen Stil repräsentieren, aber auch einen gewissen Spagat zum Stil der anderen Künstler*in halten.

Das ist das Interessante, wenn man Künstler*innen portraitiert: Das repräsentieren, was die andere Künstler*in bereits etabliert hat, besonders wenn es um eine Nutzung durch die Künstler*in geht. Trotzdem habe ich da in meinem Stil Limitierungen und will mir natürlich auch selbst treu bleiben.

Willst du eher in Drag mehr machen oder eher in Richtung Illustration?

Ich will mich da nicht wirklich entscheiden. Auf der einen Seite will ich natürlich nicht künstlerisch ausbrennen. Ich habe das in der Uni stark gemerkt, wo ich nach meinen Zeichenkursen oft tagelang das Grafiktablett nicht anfassen wollte. Es muss etwas sein, worauf ich wirklich Lust habe, um mich da auch langanhaltend mit auseinanderzusetzen.

Im Moment gibt es bei mir definitiv den Struggle im Zeitmanagement, Drag und Illustrationen unter einen Hut zu bringen, da beides sehr fordernd und zeitintensiv ist. Und es existiert jeweils beides derzeit auf einer Schiene, auf der ich es hobbymäßig neben der Arbeit mache. Ich muss also Tag für Tag abwägen, für was ich mehr Zeit im Moment habe. Ich muss allerdings auch aufpassen, mich in Drag nicht zu sehr zu verausgaben, bevor ich mit 30 nicht mehr laufen kann! [lacht] Ich sehe beides bei mir in der Zukunft und halte gerade die Balance zwischen beidem.

Es sind ja verschiedene Baustellen, sodass es dir auf jeden Fall nicht langweilig wird.

Definitiv. Manchmal hole ich mir die Fitness durch Drag zurück, die ich mir durchs Kauern vorm Grafiktablett verbaue. Aber manchmal freut man sich, auch mal einen Tag nichts zu tun und sich beim Zeichnen zu entspannen. This is her, by the way! [zeigt auf Grafiktablett auf dem Schreibtisch]

This is where dreams are made!

Genau! [lacht]

Wie sieht es denn mit deinen Performances aus? Sie sind ja sehr bestimmt von deiner anderen Leidenschaft, das Theater und Musicals.

Ich weiß gar nicht, wie man darauf nur kommen sollte?! [Zeigt auf Musical-Fanartikel, die im ganzen Raum verstreut ausgestellt sind] Ich bin leidenschaftlich seit einigen Jahren eingeschweißter Musical Fan. Helft mir bitte raus aus diesem Loch! [lacht]

Starlight Express, Tanz der Vampire, Cats…

Na, wenn man neunzig Prozent der Zeit, die man so unterwegs ist, Musicals im Ohr hat, sich zu einem Großteil damit befasst – da kommen viele Ideen auf.

Ich würde irre werden [lacht]

Mein Spotify-Jahresrückblick wird auch die absolute Hölle! [lacht] Aber besonders in Musicals wie Tanz der Vampire gibt es einfach eine gewisse Campiness und Humor, der sehr bereichernd ist und mich sehr inspiriert. Es gibt mir die Möglichkeit, auf der Story der Musicals meine eigene Kunst zu gestalten. Diese Campiness und Over-The-Top-ness gibt mir viel.

Zehrt deine Performance von diesen Konzepten?

Definitiv. Es ist ein übergeordnetes Thema bei mir. Die Songs kommen zuerst, daraus spinne ich Storylines und daraus resultieren Choreo und Co. Bei Musicals sind viele Aspekte dessen multifunktionell.

Gibt’s große Unterschiede zwischen Drag und Theater?

Naja, oft sind das Make Up und die Kostüme im Theater total Drag. Das müssen sie ja auch sein, damit der letzte Besucher im Oberrang direkt neben dem Ausgang noch entziffern kann, wer da auf der Bühne ist. Da werden dann Augenbrauen bis unter den Haaransatz gezogen, Lippen vergrößert und Haare hochtoupiert. Nicht jede Person, die Drag macht, nimmt jedoch unbedingt einen eigenen Charakter ein.

Ich hätte gern die Umkleiden im Theater! [lacht] Aber es sind auf jeden Fall zwei verschiedene Kunstformen, die sich nicht unbedingt gegenseitig auf die Zehen treten. Wer sich jedoch auf die Zehen tritt, sind Drag Artists untereinander. Wenn man seine eigene Kunstfigur vertritt anstatt eine Rolle in einem Stück, geht man meines Erachtens anders, bissiger an die Sache ran. Total verständlich, da man sich selbst repräsentiert und eigene Interessen vertritt, aber die Gelassenheit im Theater fehlt dadurch schon. Ich glaube, dass man da viel vom Theater lernen kann, wo der Konkurrenzgedanke eine untergeordnete Rolle einnimmt.

Und wo siehst du dich in ein paar Jahren?

Ich will jetzt erst Mal mehr Erfahrung in Drag sammeln und mich weiter etablieren. Daher freue ich mich über jede Möglichkeit, mich selbst darzustellen.

Mein ultimatives Ziel ist es, in Rollschuhen einen kompletten Starlight Express-Mix zu performen. Das kann auch ruhig meine letzte Performance sein, da man mich danach im Krankenwagen abtransportieren muss! [lacht]

Ich glaube das ist ein gutes closing-Statement! [lacht]

Danke Nellie!

Es war mir ein Fest!

>>> Findet Nellie auf Instagram > @thenelliebuttons <<<

1 Kommentar

  1. Barbara Wolfsdorf

    Tolles Interview mit einer vielfältigen Künstlerin

    Antworten

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