Intersektionaler Feminismus

DISCLAIMER Ich möchte den_die Leser_in dieses Textes dafür sensibilisieren, dass ich den vorliegenden Essay aus der Perspektive einer weißen, westlich sozialisierten, queeren, cis Frau schreibe. Ich bin mir der unvermeidbaren Subjektivität meiner Anschauungen bewusst, versuche der kritischen Betrachtung dieser jedoch gerecht zu werden. 

Das Verständnis von Feminismus ist vielfältig, beschäftigt sich mit unterschiedlichen Bereichen und wird im aktuellen politischen Bewusstsein sowie queeren Aktivismus wachgehalten. Spätestens seit Oktober 2017 und dem Hashtag #metoo sowie der daraus resultierenden metoo-Bewegung befindet sich die Auseinandersetzung mit feministischen Themen in unserer Gesellschaft wieder auf dem Höhepunkt. Doch während beim klassischen Feminismus u.a. an die Einführung des Frauenwahlrechts (1918) oder die Selbstbezichtigungskampagne „Wir haben abgetrieben“ (1971) gedacht wird, in welcher es zunächst einmal um die notwendige Selbstbestimmung von Frauen ging, setzt die metoo-Bewegung einen anderen Akzent. Sie schärft das Bewusstsein für eine strukturelle Benachteiligung von Frauen innerhalb patriarchaler Machtstrukturen (in Wirtschaftskonzernen, Bildungs- und Pflegeeinrichtungen, etc.), die überwiegend von weißen, westlich sozialisierten cis Männern etabliert sind. Die kritische Betrachtung dieser gesellschaftlichen Machtstrukturen und des damit verbundenen Machtmissbrauchs motivieren zurzeit im feministischen Aktivismus sowie den Queer Politics eine zunehmend intersektionale Auseinandersetzung. Doch was genau bildet Intersektionalität ab und woher kommt der Begriff? 

Der Begriff Intersektionalität leitet sich aus dem amerikanischen Englisch ab (engl. intersection) und bezeichnet eine Straßenkreuzung, einen Schnittpunkt oder eine Überschneidung. Im wissenschaftlichen Diskurs ist der Begriff durch die amerikanische, Schwarze Juristin und feministische Aktivistin Kimberlé Crenshaw gegen Ende der 1980er Jahre eingeführt worden.1 Crenshaw war jedoch nicht die erste, die sich jenem Gedankenmodell bediente; der Ursprung intersektionaler Perspektiven auf feministische Belange findet sich in der Schwarzen amerikanischen Frauenbewegung der 1970er Jahre wieder. Unter dem Ausspruch „Ain´t I a Woman?“ (1851) der Schwarzen Frauenrechtlerin und ehemaligen Sklavin Sojourner Truth (1798-1883) versammelten sich Schwarze Frauen, die anprangerten, dass ihre Belange viel weniger Beachtung im gesellschaftlichen Diskurs erfahren würden als die von weißen Frauen. Schwarze Frauen würden nicht nur wegen ihres Geschlechts unterdrückt, sondern auch wegen ihrer Hautfarbe und Klassenzugehörigkeit. Demnach stand die Verschränkung von verschiedenen identitätsstiftenden Merkmalen im Fokus und die daraus resultierende Mehrfachdiskriminierung für bestimmte Minderheiten.

Um sich der konkreten Verwendung des Begriffs anzunähern und den Sachverhalt genauer zu analysieren, ist es hilfreich, zunächst im übertragenen Sinne bei der Metapher der Straßenkreuzung zu verweilen; hier berühren sich mehrere Straßen aus unterschiedlichen Richtungen, kreuzen sich, laufen weiter und berühren andere Straßen aus anderen Zusammenhängen. Wird dieses Bild weitergesponnen, entsteht ein ganzes Straßennetzwerk. Jede Straße steht dabei für eine individuelle Eigenschaft, welche die eigene Identität beschreibt; sei es Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Klasse, Kultur, Gesundheit, Alter usw.

Aus meiner Perspektive betrachtet wären dort Straßen zu finden, die mich als biologische Frau, cis Frau, weiße Frau und queere Person ausweisen würden. Diese für sich unterschiedlichen Straßen kreuzen sich auf ihrem Weg, da ich NICHT NUR eine Frau bin, sondern eben eine weiße, queere, cis Frau. Doch es wäre falsch davon auszugehen, dass ich die einzige Person bin, die sich auf jenen Straßen bewegt. Unsere Gesellschaft setzt sich aus einer großen Diversität an Identitäten und Persönlichkeiten zusammen, die unsere Wahrnehmung bereichert.

Durch die diversen Kreuzungen ergeben sich für meine Person daher andere Perspektiven als für eine Schwarze, queere, cis Frau. Während sich beide Frauen als cis Frauen identifizieren, lässt sie die Tatsache, dass sie unterschiedliche Hautfarben haben, nicht die gleiche Perspektive einnehmen. Ebenso wäre dies bei einer weißen, queeren, nicht-binären Person festzustellen: beide Personen sind weiß, westlich sozialisiert, aber identifizieren sich aus unterschiedlichen Gründen nicht oder gerade mit ihrem biologischen Geschlecht. 

Durch die Identifikation mit gemeinsamen Charakteristika ist es uns einerseits möglich, bestimmte Gedanken und Gefühle einer anderen Person nachzuempfinden; andererseits soll die Metapher der Straßenkreuzung auch dafür sensibilisieren, dass sich die Verschränkung vermeintlich gleicher Attribute von Identität aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten lässt. Somit kann die Perspektive auf ein identitätsstiftendes Merkmal eine rundherum andere sein, sodass der eigenen Person bestimmte Aspekte gänzlich verborgen bleiben können. 

Eine Überlegung, die an Relevanz gewinnt, wenn die Identität stiftenden Charakteristika gleichzeitig als Privilegien unserer Selbst begriffen werden. Daher verweilt die wissenschaftliche Disziplin der Intersektionalität nicht in der bloßen Auseinandersetzung mit Identität, sondern rückt das Zusammenwirken, die Verschränkung sowie die Wechselwirkung von Privilegien und Diskriminierung in den Fokus. Sich die eigenen Privilegien bewusst zu machen, diese kritisch zu betrachten und zu hinterfragen, bringt jede_n Einzelne_n dazu, sich der eigenen Rolle innerhalb der Gesellschaft gewahr zu werden, denn oft zeigt sich, dass Privileg und Diskriminierung zwei Seiten derselben Medaille sind.

Eine solche Betrachtung soll die individuelle Erfahrung mit Diskriminierung nicht schmälern, verallgemeinern oder gar abwerten, sondern für diverse Perspektiven sensibilisieren. So kann auch eine diskriminierte Person eine andere Person durch ihr Verhalten diskriminieren, da ihr bestimmte Perspektiven gar nicht bewusst sind. Daher ist es immer wichtig, für die Wahrnehmung anderer Personen sensibel zu sein und offen für weiterführende Perspektiven, die den eigenen Horizont und unsere Wahrnehmung von Diversität nur ausweiten können.

In diesem Sinne erweitert Intersektionalität auch die bisher übliche Betrachtung von Diskriminierung sowie das Verständnis um ihr Auftreten in Alltagssituationen. Durch die Beachtung verschiedener identitätsstiftender Merkmale wie Geschlecht, Ethnizität, Klasse, Nationalität, Sexualität, Alter etc. wird gezeigt, dass keine dieser Kategorien für sich allein steht. Genauso wenig wie ich NUR eine Frau bin, wird eine Person NICHT NUR Opfer von Sexismus, Homo- und Trans*feindlichkeit oder ist NICHT NUR rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Eine Schwarze und eine weiße Frau werden sich mit teils ähnlichen Sexismen auseinandersetzen müssen, jedoch wird eine weiße Frau keinerlei Erfahrungen mit Sexismus aufgrund von Rassismus machen. Wohingegen sich Schwarze und weiße cis Personen, die sich seit ihrer Geburt mit ihrem zugeschriebenen biologischen Geschlecht identifizieren, für ihre Geschlechtsidentität im öffentlichen Raum bzw. Diskurs nie rechtfertigen müssen, während einer trans* Person im schlimmsten Falle ihr eigentliches Geschlecht nicht zugesprochen wird oder sie irrationale Zuschreibungen sexueller Orientierung erfährt. 

Während zu Beginn der kritischen Auseinandersetzung mit Intersektionalität, motiviert durch die Schwarze amerikanische Frauenbewegung, der dominierende Fokus auf die drei Kernkategorien Race (Rassismus), Class (Klassismus) und Gender (Sexismus) gelegt wurde, wird der Begriff inzwischen um weitere Ungleichheitskategorien erweitert. So definieren die in Deutschland geborenen Geisteswissenschaftler_innen Helma Lutz und Norbert Wennig 2001 dreizehn Merkmale, durch die sich Privilegien und Diskriminierung in unserer Gesellschaft abbilden: Geschlecht, Sexualität, rassistische Merkmale, Ethnizität, Nation/Staat, Klasse, Kultur, Gesundheit, Alter, Sesshaftigkeit/Herkunft, Besitz, Nord-Süd/Ost-West, gesellschaftlicher Entwicklungsgrad.2 Jedoch gibt es andere methodische Ansätze, die sich nach wie vor auf die weitergehende Analyse der drei Kategorien Geschlecht, rassistische Merkmale und Klasse beziehen und diese allein durch  die Kategorie Körper erweitern.3 Allen methodischen Ansätzen gemein ist jedoch eine Offenheit und Sensibilität gegenüber weiterführenden identitätsbildenden Charakteristika und somit für weiterführende Kategorien, durch die Diskriminierung erfahren werden kann.

Intersektionalität wird demnach, ähnlich wie die Auseinandersetzung mit Feminismus, nicht durch ein fertiges Konzept beschrieben, „sondern ist abhängig von dem jeweiligen Erkenntnisinteresse, da es ein unmögliches Unterfangen darstellt, alle Kategorien gleichermaßen zu berücksichtigen, die an der Konstitution sozialer Ungleichheiten beteiligt sind.“4

 

Du möchtest dich eingehender mit dem Thema Intersektionalität sowie intersektionaler Feminismus auseinandersetzen? Dann habe ich für dich hier ein paar spannende Literaturempfehlungen:

  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): (Anti-)Feminismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung (17/2018), 2018 (online verfügbar: https://www.bpb.de/apuz/267934/anti-feminismus; letzter Zugriff am 16.09.2021)
  • Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Race, Class, Gender. Magazin zur Intersektionalität, 2013 (online verfügbar: https://heimatkunde.boell.de/de/2014/10/06/rcg-magazin-zu-intersektionalitaet; letzter Zugriff am 16.09.2021) 
  • Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Hg.): Handreichung für das übergreifende Thema Bildung zur Akzeptanz von Vielfalt (Diversity), Ludwigsfelde 2018 (online verfügbar: https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/index.php?id=12723; letzter Zugriff am 16.09.2021)
  • Rosa-Luxembourg-Stiftung (Hg.): Intersektionalität. Bildungsmaterialien (4), 2016 (online verfügbar: https://www.rosalux.de/publikation/id/37578/intersektionalitaet; letzter Zugriff am 16. 09.2021)
  • Sweetapple, Christopher; Voß, Heinz-Jürgen und Wolter, Salin Alexander: Intersektionalität. Von der Antidiskriminierung zur befreiten Gesellschaft?, Warschau 2020
  • Trumann, Andrea: Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus, Pribram 2019

 

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  1. Kimberlé Crenshaw: Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of  Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics, 1989
  2. Lutz, Helma und Wenning, Norbert: Differenzen über Differenz. Einführung in die Debatte, in: Helma Lutz und Norbert Wennig (Hrsg.): Unterschiedlich verschieden. Differenz in der Erziehungswissenschaft, Opladen 2001, S. 11-24
  3. Winker, Gabriele und Degele, Nina: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten (Sozialtheorie), Bielefeld 2009
  4. Küppers, Carolin: Intersektionalität, in: Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze), 2014 (Link: https://gender-glossar.de/i/item/25-intersektionalitaet; letzter Zugriff am 16.09.2021)

 

Autorin: Ellen Meier (Pseudonym)
Hintergrund Foto erstellt von fanjianhua – de.freepik.com

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