Cyberfeminismus – Eine Einführung

A Cyberspace of one’s own. Zukunft besetzen, Zukunft re-imaginieren

Zwei einführende Texte über Cyberfeminismus von Rosh Zeeba

 I.Cyberfeminismus

 Das Aufkommen des Internets spielt Anfang der 1990er Jahre eine wichtige Rolle im feministischen Kontext. Zum ersten Mal wird das neue Medium einer breiten Masse zugänglich – wobei der Digital Divide, d.h. die ungleiche Verteilung von Zugangsmöglichkeiten zum digitalen Raum, der Annahme widerspricht, dass der Cyberspace (oder ganz konkret: ein Internetzugang) für alle gleich zugänglich sei und somit hürdenfrei besetzt und beschrieben werden könnte. (1)

Die Vorstellung, den digitalen Raum zu besetzten und als Resonanzraum für die eigenen queeren, feministischen und posthumanistischen Utopien zu nutzen, wirkt auf eine Reihe von Feminist:innen vielversprechend. Die Idee einer weltweiten Vernetzung und der Möglichkeit einer Aneignung des damals noch vermeintlich unbesetzten Raumes, der frei von Historizität ist, scheint revolutionäre Perspektiven zu eröffnen. Cyberfeminismus ist als Bewegung schwer zu fassen, da sich unter dem Begriff unterschiedliche und sich teilweise widersprechende Ansätze und Theorien sammeln.

Einen wichtigen Einfluss auf cyberfeministische Theorie hatte Donna Haraways 1985 veröffentlichtes Manifesto for Cyborgs: Science, Technology, and Socialist Feminism in the 1980’s. Auch wenn Haraway sich nie als Cyberfeminist:in bezeichnet, stellt ihr Denken eine prägende Quelle für diese Bewegungen dar.

Die Setzung des Begriffs wird dem australischen Künstler:innenkollektiv VNS Matrix (Aussprache: Venus Matrix) zugesprochen. (2) Gründungsmitglieder des Kollektivs waren Virginia Barratt, Francesca da Rimini, Julianne Pierce und Josphenie Starrs. 1991 veröffentlicht das Kollektiv The Cyberfeminist Manifesto for the 21st Century, in dem es den Androzentrismus in der Cyberkultur zu untergraben sucht, sich gegen binäre Geschlechtercodes ausspricht und die Vagina als ‚Besetzer:in‘ des digitalen Raumes positioniert: “We are the modern cunt/positive anti reason/unbounded unleashed unforgiving” („Wir sind die moderne Fotze/positive anti-Vernuft/unbegrenzt entfesselt nichts vergebend“), bzw.: “We are the virus of the new world disorder – rupturing the symbolic from within – saboteurs of big daddy mainframe – the clitoris is a direct line to the matrix” („Wir sind der Virus der neuen Weltunordnung – wir zerreißen das Symbolische von innen – Saboteure des Big Daddy Mainframe – die Klitoris ist eine direkte Verbindung zur Matrix“). (3)

Eine weitere wichtige Künstler:innengruppe aus dem cyberfeministischen Kontext ist das 1997 gegründete Old Boys Network (OBN), u.a. bestehend aus Cornelia Sollfrank, Susanne Ackers, Julianne Pierce, Helene von Olden-burg, Claudia Reiche, Faith Wilding, Yvonne Volkart und Verena Kuni. Die OBN-Akteur:innen befürworten einen transnationalen feministischen Aus-tausch und wollen sich mit postkolonialen Initiativen solidarisch erklären. Faith Wilding propagiert, sich utopischen und mythischen Konstruktionen des Netzes zu widersetzen und sich um aktivistische Koalitionen mit anderen widerständigen Netzgruppen zu bemühen. Cyberfeminist:innen müssten sich mit transnationalen feministischen und postkolonialen Initiativen solidarisch erklären und daran arbeiten, ihren Zugang zu Kommunikationstechnologien und elektronischen Netzwerken zu nutzen, um solche Initiativen zu unter-stützen.(4)

Das Old Boys Network erstellt einen Katalog von 100 Anti-Thesen (5) , in dem es definiert, was Cyberfeminismus alles nicht ist und organisiert die Cyber-feministische Internationale innerhalb der Documenta X in Kassel, in der sie vor allem auf die Machtstrukturen in digitalen Medien aufmerksam machen und nach solidarischen feministischen Vernetzungs- und Handlungsmöglichkeiten suchen.

(Hier gehts zu Teil 2)

1 Zum Begriff des Digital Divide vgl.: Gaijala Radhika/Yeon Ju Oh (Hrsg.): Cyberfeminism 2.0, New York: Peter Lang Publishing 2012

2 Teilweise wird die Namensgebung auch Sadie Plant zugesprochen, die Quellenlage ist hier uneindeutig.

3 VNS Matrix: A Cyberfeminist Manifesto for the 21st Century (2016), http://archive.rhizome.org/anthology/vns-matrix/poster.pdf

4 Vgl. Wielding, Faith: Where is the Feminism in Cyberfeminism? (1998) https://monoskop.org/images/8/82/Wilding_Faith_1998_Where_is_the_Feminism_in_Cyberfeminism.pdf

5 Vgl.: Old Boys Network: 100 Anti-Theses (1997), https://obn.org/obn/inhalt_index.html

 

 

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