Cyberfeminismus (Teil 2) – Prometheische Feminismen

A Cyberspace of one’s own. Zukunft besetzen, Zukunft re-imaginieren

Zwei einführende Texte über Cyberfeminismus von Rosh Zeeba
(zu Teil 1)

Prometheische Feminismen

Das 1997 erschienene Zeros and Ones, Digital Women and the New Technoculture (1) von Sadie Plant stellt ein einflussreiches Werk für den Cyberfeminismus dar. Plant streift in dem Buch unterschiedliche Disziplinen wie Psychoanalyse, Storytelling, Frauenarbeit (und deren politische Ökonomie), Mechanik, Informationstechnologie und Science Fiction.

Plant erörtert die Auswirkungen einer binären Welt auf die weibliche Präsenz in einer männerdominierten Gesellschaften und benutzt in ihrer Ausführung die Symbolik des binären Codes, in dem, wie sie feststellt, die Vorstellung der Eins als Einheit für das Wesentliche und Überlegene steht. Sie kritisiert die Psychoanalyse, die in der Frau eine Abwesenheit manifestiert und arbeitet anhand des Beispiels von Binärcodes eine andere Deutung der Null heraus. Durch suggestive Zitate beschwört Plant Pionier:innen wie Ada Lovelace oder Grace Hopper herauf und zeigt die historische Relation zwischen Frau und Maschine auf. Trotz ihrer Versuche den binären Code aufzubrechen, zeichnet sich bei Plant eine eurozentrische Analyse ab, die ausschließlich einen weißen Feminismus fordert und in der das Konstrukt der biologischen Frau nicht weiter hinterfragt, sondern in seiner Idealisierung eher verstärkt wird. Ihre Romantisierung von Technik und Cyberspace sowie die transhumanistischen Tendenzen in ihrem Frühwerk verdichten sich in ihren aktuellen Arbeiten, die sich im Feld des Akzelerationismus bewegen.

Auch das 2018 veröffentlichte Xenofeministische Manifest des Kollektivs Laboria Cuboniks lässt sich in die Reihe kritikwürdiger post-cyberfeministischer Theorieansätze einreihen. Ähnlich wie bei Plant finden sich hier akzelerationistische Analysen, Biologismen und ein Begriff des ‚Fremden‘, die einen unangenehmen Beigeschmack hinterlassen. Die Künstler:in und Kulturwissenschaftler:in Annie Goh hat mit ihrem Text Appropriating the Alien: A Critique of Xenofeminism eine treffende Kritik dieses Manifests veröffentlicht:

„Innerhalb ‚prometheischer’ kultureller Milieus sind gewagte Behauptungen, die verschiedene Grundlagen antirassistischer Feminismen berühren, unkommentiert geblieben. In einem Interview mit Laboria Cuboniks über  xenofeministische Technologien […], wird Lucca Fraser gefragt, ob sie glaubt, dass die Werkzeuge des Meisters das Haus des Meisters niederreißen könnten. Fraser antwortet mit Nachdruck: ‚Ja. Sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne ja.‘ Dieser wesentliche Grundsatz des Schwarzen, lesbischen und feministischen Denkens, der die Unmöglichkeit eines ‚Außen’ der weißen Vorherrschaft und des kapitalistischen Heteropatriarchats darzustellen versuchte, wird also durch die Erfindung des Xenofeminismus auf skurrille Art umgedreht. Es ist ironisch anzumerken, dass Lorde ihre trotzige Kritik speziell über die Missachtung dieser Differenz durch die weiße feministische Academia schrieb und diejenigen, die glauben, den Meister mit seinen Werkzeugen schlagen zu können, als diejenigen geißelt, die letztlich immer noch vom ‚Haus des Meisters’ unterstützt werden.“ (2)

Als Hommage an das erste internationale cyberfeministische Treffen auf der Documenta X in Kassel 1997 findet 2017 der Post-Cyber Feminist International Kongress im ICA London statt. Hier formiert sich die teilweise in Vergessenheit geratene Bewegung mit unterschiedlichen Vertreter:innen und Perspektiven auf die aktuelle Auseinandersetzung neu, um das Wechselspiel von digitalem Raum sowie feministischen, intersektionalen und künstlerischen Herangehensweisen zu erforschen. Innerhalb des Kongresses findet sich eine Auswahl verschiedener Anknüpfungen an und Fortführungen von cyberfeministischem Denken. Der technische Stand hat sich seit dem Aufkommen der feministischen Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Cyberspace rapide verändert. Obwohl eine spürbar euphorisierte Atmosphäre rund um die Vorstellung eines digitalisierten, vernetzten Selbst erhalten bleibt, münden ästhetische Spielereien verquickt mit High End Technologien und philosophischen Versuchen, in zum Teil verkürzten Reflexionsketten. Der privilegierte, akademisierte Kontext, in dem der postcyberfeministische Kongress stattfindet, widerspricht der subversiven, Pop- und Riot-referenziellen Geste der Protagonist:innen. Dennoch lassen sich anhand einiger Beiträge wertvolle Perspektiven in Zusammenhang mit intersektional-feministischen künstlerischen Arbeiten finden.

Im Hinblick auf intersektionale feministische Strategien und Perspektiven bietet das Glitch Feminism-Manifest von Legacy Russell (3) interessante Anhaltspunkte. Das Manifest knüpft am Cyberfeminismus an und denkt diesen weiter.

 

1 Plant, Sadie: Zeros and Ones. Digital Women and the New Technoculture, London: Fourth Estate 1995

2 Goh, Annie: Appropriating the Alien: A Critique of Xenofeminism, (2019), https://www.metamute.org/editorial/articles/appropriating-alien-critique-xenofeminism#sdfootnote46anc

3 Russell, Legacy: Glitch Feminismus, Leipzig: Merve 2021

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